Dankeschön und auf Wiedersehen!

Dankeschön und auf Wiedersehen!
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Nach 21 spannenden, schönen und abwechslungsreichen Ausgaben von Raetia Publica verabschiedet sich die Redaktion mit ein paar Gedanken zu Journalismus, Medienkonsum und alternativen Fakten. Wir danken allen Unterstützerinnen und Unterstützern herzlich, und wünschen ein letztes Mal viel Lesevergnügen.

von Raetia Publica

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Am Anfang stand die Idee, Themen zu behandeln, die im Alltagsjournalismus zu kurz kommen. Themen, die gar nicht aufgegriffen werden können, weil sie mehr Platz, Zeit und eine andere Präsentation benötigen als es die Tagespresse bieten könnte. Und so haben wir vier uns zusammengetan, haben Themen gesucht, Journalistinnen und Journalisten, die interessiert waren, haben Deadlines gesetzt, verlängert und hie und da auch Absagen entgegennehmen müssen.

Uns hat die Arbeit an Raetia Publica nicht nur gute gemeinsame Mittagessen beschert, sondern wir hatten auch viel Spass am Aufgreifen und Diskutieren von Themen. Und jedes Mal beschlich uns ein befriedigendes Gefühl, wenn Curdin Albin aus den Texten eine bebilderte Nummer gestaltete, die sich sehen lassen konnte. Echos und Komplimente gab es zwar einige, dennoch wissen wir nicht genau, wie fleissig wir gelesen wurden. Aber wir hoffen, dass viele Freude an unseren Artikeln hatten.

21 Nummern sind entstanden und als letztes schreiben wir, Sabrina Bundi, Journalistin, zu ihrem Beruf, Prisca Roth, Historikerin, zum Umgang mit den Quellen und Johannes Flury, Theologe und Pensionär zur Lesefreude.

Uns verabschiedend haben wir zu danken: Erstens einmal dem grosszügigen Sponsor, der das Abenteuer möglich gemacht hat, der Pro Raetia, die uns Obdach geboten hat und die Buchhaltung erledigte, den Journalistinnen und Journalisten, welche mitgemacht haben und natürlich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Achten Sie das geschriebene Wort und beteiligen Sie sich an der Raetia Publica, denn die Sache, das öffentliche Gespräch über Graubünden, geht weiter.

Johannes Flury
Sabrina Bundi
Prisca Roth
Curdin Albin


 

Erfahrungen eines Zeitungslesers

von Johannes Flury

Ich bin, ich gebe es zu, von Hause aus ein passionierter Zeitungsleser. So kaufe ich zum Beispiel in meinen Ferien in einem Land, dessen Sprache ich verstehe, wenn möglich jeden Tag eine Zeitung und versuche, mich auf diesem Weg dem Land und seinen Gewohnheiten anzunähern. Und einer der grossen Vorteile des Pensioniertendaseins ist gewiss der, dass man am Morgen in aller Ruhe die Zeitung zur Hand nehmen und mindestens überfliegen kann. Damit ist auch schon gesagt, dass das Gefühl, eine Zeitung in der Hand zu haben, an Genuss den hie und da nötigen Ersatz durch die Onlinelektüre bei weitem übersteigt. Eine Zeitung zur Hand zu nehmen, sie umzublättern, das würde ich bei allem Verständnis für die Entwicklung der technischen Möglichkeiten sehr vermissen. Es geht mir ja beim Buch nicht anders!

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der mit der Bündner Zeitung versehen war. Etwas Anderes wäre damals in einem reformierten Haus, dessen Familienoberhaupt eher zu den Demokraten tendierte, auch gar nicht in Frage gekommen.

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, der mit der Bündner Zeitung versehen war. Etwas Anderes wäre damals in einem reformierten Haus, dessen Familienoberhaupt eher zu den Demokraten tendierte, auch gar nicht in Frage gekommen. Das Tagblatt schloss sich selbst aus konfessionellen Gründen aus, der freie Rätier aus Gründen der politischen Orientierung. Daneben kam das Pöstli ins Thusner Pfarrhaus. In Graubünden ein reiches Angebot, strukturiert durch die Politik, die Region und die Konfession, alles zusammen gar nicht so leicht auseinanderzuhalten. Schade, dass es heute dieses Angebot nicht mehr gibt, schade, dass bei uns, wie überall in der Schweiz, die Pressevielfalt massiv abgenommen hat und durch wenige grosse Verbünde ersetzt wurde, so dass ich im Berner Bund einfach den Tagesanzeiger wiederfinde, im Bündner Tagblatt bis auf wenige Artikel einfach die Südostschweiz. Ich weiss, dass es ökonomische Zwänge gibt, ich klage ja auch nicht an, ich bedauere nur.

Im Studium lag dann im Studentenhaus die Neue Zürcher Zeitung auf, die eben daran war von der dreimaligen auf die zweimalige Erscheinungsweise umzustellen. Nach dem Umzug ins Engadin galt es dann das Fögl Ladin zu lesen und seit den siebziger Jahren bin ich der NZZ treu geblieben, auch wenn ich mich hie und da nicht wenig über ihre Haltung aufrege. Mit dem zusätzlichen Abonnement des Bündner Tagblatts, des Berner Bunds, den meine Frau liest, der Quotidiana, der Posta Ladina und der Pagina da Surmeir habe ich nicht wenig Lesestoff, der mich notgedrungen zur Auswahl zwingt. Unser Haushalt ist also definitiv nicht am Rückgang der gedruckten Medien beteiligt, das steht fest!

Wie wähle ich aus? Die reine Meldung lese oder höre auch ich online, das kindliche Interesse an «Unfällen und Verbrechen» ist geschwunden.

Wie wähle ich aus? Die reine Meldung (was ist geschehen?) lese oder höre auch ich online, das kindliche Interesse an «Unfällen und Verbrechen» ist geschwunden. Auch was «Leute» betrifft, wird nur oberflächlich zur Kenntnis genommen. Viel mehr interessieren mich die Hintergründe (warum ist es geschehen?) und die Folgen (was könnte nun geschehen?). Dafür sind aber längere Artikel und auch Meinungsartikel nötig. Und wenn ich mich gerade dort am meisten aufrege, anderer Meinung bin und gerne selbst einen Gegenartikel schreiben würde, so zeigt gerade das, wie wichtig solches ist, um mich als Leser nicht in einer linken oder rechten, grünen oder roten Blase bestätigen zu lassen. So nehme ich die Schweizer Presse zur Kenntnis, ganz anders dann die lokale. Diese ist gerade in Coronazeiten der Ersatz für den Stammtisch nach der wöchentlichen Chorprobe. Sie hat in meinen Augen genau die Funktion des Bänkleins vor dem Engadinerhaus, wo am Abend das, was links und rechts und im Nachbardorf geschah, zu erörtern ist.

Im Unterschied zu den elektronischen Medien, die aus ihrer Struktur nur selten Zeit für längere und insofern auch wenig aktuelle Beiträge haben, schätze ich es bei den gedruckten Medien, wenn sie Entwicklungen beschreiben, nicht einfach aktuelle Geschehnisse. Ich weiss, dass all dies von den Journalistinnen und Journalisten Zeit und Arbeit benötigt und eben dies heute in der ökonomisch schwierigen Lage der Medien nicht in genügendem Masse zur Verfügung steht. Ich weiss auch, dass ein Korrespondentennetz schon in der Schweiz und erst recht im Ausland seinen Preis hat. Aber der Puls wird erst spürbar und die langsamen Entwicklungen werden es erst recht, wenn man vor Ort ist und mit zufälligen und bewussten Begegnungen wächst das Wissen um vieles, was sich von aussen nicht öffnet oder abzeichnet. So müssen die heutigen Medienschaffenden oft ihrer eigenen Intuition vertrauen oder sie ersetzen sie durch ein klar gefügtes Weltbild, was dann ihrer eigentlichen Aufgabe der Darstellung und Analyse zuwiderläuft.

Der Leser wie ich wird sich also bewusst sein müssen, dass Informationen und Darstellungen ein teures Gut sind in beiderlei Sinn des Wortes.

Der Leser wie ich wird sich also bewusst sein müssen, dass Informationen und Darstellungen ein teures Gut sind in beiderlei Sinn des Wortes. Mit dem steigenden Preis schwindet die Bereitschaft, ihn für ein vorübergehendes Gut aufzubringen und damit wächst die Gefahr einer Spaltung in gut Informierte und solche, die sich Informationen aus Gratismeldungen und -meinungen in den sozialen Medien zusammenbasteln.

Ich habe keine Lösung, ich stelle fest und berichte von meinen Erfahrungen und Befürchtungen. Und doch nehme ich jeden Morgen mit Lust und mit Neugier die Zeitungen zur Hand, die aktuellen und die beiseitegelegten und freue mich, wenn deren Lektüre auch drei Tage nach Erscheinen noch interessant und lehrreich ist. Besseres wird sich über den Tagesjournalismus nicht sagen lassen.

 

 

Hommage an den Journalismus

von Sabrina Bundi

Journalistin ist der beste Beruf, den es gibt. Für mich. Zumindest wollte ich nie wieder etwas Anderes tun, seit ich vor über zehn Jahren beim Bündner Tagblatt von Christian Buxhofer und meinen wunderbaren Gspänli lernen durfte, wie konstruktiver, korrekter, gerechter und feinfühliger Lokaljournalismus funktioniert.

Journalistinnen und Journalisten sind schlau, wissbegierig, verantwortungsvoll, fleissig, mutig, scharfsinnig, geistreich, gerecht und nicht zuletzt: relevant. Wir stellen für die Bevölkerung Abstimmungsbouquets mit allen notwendigen Informationen zusammen, schauen dem Parlament auf die Finger, prügeln uns durch das Kantonsbudget, löchern Bosse und Magnate, schwadronieren mit Künstlern über ihre Werke, enthüllen dramatische Affären, illustrieren unsere Mitmenschen und Recherchieren bis zum Hungerast. Wir tun es mit Liebe und Leidenschaft für unseren Beruf, obwohl unser Berufsstand immer mehr Schimpf und Schande ausgesetzt ist.

Einzelne Relotien und Wölfe im Schafspelz dürfen nicht unseren gesamten Berufsstand vergiften.

Der «Journaille» wird unterstellt, Unwahrheiten zu verbreiten, Quellen nicht zu prüfen, Skandale zu erfinden, für eine Schlagzeile über Leichen zu gehen. Was bei einigen Medien sogar der Wahrheit entspricht. Leider sind es nicht selten diejenigen, die am meisten konsumiert werden. Und ich verfluche still und heimlich alle Medien, die schlecht recherchierte, sensationslüsterne Beiträge verbreiten, weil sie unserer Branche das Überleben erschweren. Einzelne Relotien und Wölfe im Schafspelz dürfen nicht unseren gesamten Berufsstand vergiften.

Den meisten von uns ist unsere Hauptaufgabe trotz Vertrauenskrise heilig: Die Bevölkerung mit guten, korrekten Informationen zu versorgen. Wir schreiben und schneiden täglich präzise Berichte, Einschätzungen, Hintergründe und Reportagen obwohl wir weggespart, belächelt und beleidigt werden – und das alles, während wir im Haifischbecken schwimmen. Und auch wenn sich im Moment wohl keine Schweizer Journalistin ihrer Anstellung sicher sein kann, werden wir nicht schlampiger. Zumindest nicht diejenigen von uns, die Qualitätsjournalismus betreiben wollen. Ich hoffe immer noch darauf, dass sich ein kluger Kopf ein Modell ausdenkt, das ALLEN gratis guten Journalismus zur Verfügung stellt. Für gute Information sollte in meiner idealen Welt nicht bezahlt werden müssen. Ein etwas naiver Traum. Ich weiss.

Auch wenn sich im Moment wohl kein Schweizer Journalist seiner Anstellung sicher sein kann, werden wir nicht schlampiger.

Und wir wären aber nichts ohne Sie, unser Publikum, unsere Lieferanten, unsere Leser. Wir brauchen Sie. Und ich danke deshalb auch Ihnen von Herzen, dass Sie Raetia Publica gelesen haben. Wir wollten mit dem Magazin ein Medium für Graubünden schaffen, das sich mit den Themen befassen kann, die über Jahre hinweg immer wieder zu sprechen geben. Evergreens, die oft keinen Platz in der Tagespresse finden, weil sie einer vertieften Aufarbeitung bedürfen. Wir hoffen, unser Anliegen ist uns mit unseren bescheidenen Mitteln gelungen, und dass Sie Freude an unseren Ausgaben hatten. Wir hatten grosse Freude. Ich hatte grosse Freude. Aber ich habe ja auch den besten Beruf der Welt.

 

 

Schriftlichkeit: ein zweifelhaft kostbares Gut

von Prisca Roth

Ehrfürchtig und erwartungsvoll besuchte ich als Geschichtsstudentin das Seminar mit dem Titel Schriftlichkeit und Quellenkritik. Dies hatte einerseits damit zu tun, dass der Professor besagten Seminars ein besonders streitbarer, hitziger Lehrstuhlinhaber war. Wir hatten einen riesigen Respekt vor ihm! Zum anderen schien mir, als würde ich mit diesem Seminar zum Kern des Geschichtsstudiums vorstossen. Anders als beispielsweise die Archäologen, konnte ich mir eine Geschichtsschreibung ohne schriftliche Quellen nicht vorstellen, Schriftlichkeit war somit die Voraussetzung dafür, dass ich als Historikerin überhaupt aktiv werden konnten.

Nun sass ich da, vor mir eine alte Urkunde in einer für mich unleserlichen Schrift. Halb so schlimm, wurde mir erklärt, auch die Bevölkerung im Mittelalter bestand hauptsächlich aus Analphabeten. Und der Professor folgerte daraus: «Es war nicht primär der Inhalt des Schriftstückes, der interessierte, sondern die Urkunde an sich, respektive das Gegenüber, das diese Urkunde als symbolisches Objekt vorweisen konnte.» Wedelte letztes Jahr nicht Trump triumphierend vor den Journalisten mit einem Blatt Papier, einem angeblichen Deal mit dem Staate Mexiko, der sich verpflichtete gegen die illegale Migration vorzugehen? Später stellte sich heraus, dass Mexiko mitnichten eine solche Vereinbarung unterzeichnet hatte.

Das schriftliche Zeugnis im Mittelalter wiedergab nicht die tatsächlichen Gegebenheiten, sondern diente der Traditionsbildung.

Die Schriftlichkeit, der Professor zog wiederum die Aufmerksamkeit auf sich, diente im Mittelalter der Herrschafts- und Statuslegitimierung sowie der Prestigesicherung: «Gebt acht, wenn ihr auf Urkunden stosst, die als Besitzbestätigungen daherkommen. Folgert ja nicht daraus, dass dem besagten Herrn all die aufgelisteten Gehöfte, Abgaben, Wälder und Burgen tatsächlich gehörten. Er wollte damit in erster Linie seinen besonderen Status legitimieren, seine Kreditwürdigkeit hervorheben, Eindruck schinden.» Das schriftliche Zeugnis wiedergab nicht die tatsächlichen Gegebenheiten, sondern diente der Traditionsbildung, man könnte etwas salopp von der «Invention einer Tradition» sprechen, die das Schriftstück bewirken wollte. Deshalb gibt es im Mittelalter auch eine sehr hohe Anzahl gefälschter Urkunden. «Alternative facts» im 14. Jahrhundert, wer hätte das gedacht! Man hielt also ganz bewusst «alternative Fakten» schriftlich fest, um seine Macht zu legitimieren und, um eine Tradition, das heisst eine spezifische Form der Geschichtsschreibung, die ganz auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist, in die Wege zu leiten. Hat Trumps Beraterin Kellyanne Conway das gleiche Seminar wie ich besucht?

Fragt euch immer: Wie, wo, weshalb, unter welchen Bedingungen ist der Text entstanden?

«Und, aufgepasst Studentinnen und Studenten», fuhr der Geschichtsprofessor weiter: «Merkt euch, dass jedes Dokument eine eigene Biographie hat. Making, using und keeping eines Schriftstückes sind zentrale Begriffe der Quellenkritik. Fragt euch immer: Wie, wo, weshalb, unter welchen Bedingungen ist der Text entstanden? Wer hat ihn mit welchen Absichten geschrieben? Für wen ist er gedacht, wie wird er genutzt und welche Wirkung hat er? Wo wird der Text aufbewahrt und wer hat Zugang zu ihm?» Und anhand der Weistümer lehrte er uns, dass wir die Eigendynamik des Mediums Schrift nicht einmal im 13. Jahrhundert unterschätzen dürfen. Ich schlussfolgere daraus: Wenn ein homogener Autorenkreis auf einen homogenen Leserkreis stösst und das Medium, welches diese beiden Kreise miteinander kommunizieren lässt, mir gehört, habe ich alle im Sack.

Ich bin froh, dass ich dieses historische Seminar beim herausfordernden Professor an der Universität Zürich besucht habe. Mit der Schrift alter Urkunden habe ich immer noch Mühe, aber gaunerhafte, mittelalterliche Grafen und autokratische, aktuelle Politiker habe ich dank dieses Seminars durchschaut. Deshalb, liebe Leserin und lieber Leser, bleiben Sie weiterhin wachsam und kritisch, auch wenn es Raetia Publica in Zukunft nicht mehr geben wird

 

 

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