Öber’n Tälerrand luaga

«Es ist charakteristisch für Grenzen, daß sie nicht exakt sind, denn sie sind immer künstliche (!) Unterbrechungen von etwas Kontinuierlichem. Mein Gartenzaun trennt meinen Garten von dem des Nachbarn. Die Kontinuität des Bodens wird dadurch symbolisch unterbrochen.»1
von Michael Kasper

Dr. Michael Kasper, Historiker, Kulturwissenschaftlicher Bereichsleiter Stand Montafon (zuständig für Montafoner Museen, Montafon Archiv, kulturhistorische Projekte). Bild: zVg
Viele Kilometer lang ist die Grenze im Rätikon, zwischen Prättigau im Süden, Brandnertal, Montafon und Walgau im Norden sowie Liechtenstein im Westen, ein gebirgiges Teilstück der Grenze zwischen Liechtenstein, Österreich und der Schweiz. Dutzende Joche und Pässe ermöglichen ein relativ leichtes Überqueren dieser heute als selbstverständlich wahrgenommenen Grenze, und sie zu überschreiten ist heute weder schwierig, noch für irgendjemanden von Interesse – Wanderer und Alpinisten ausgenommen. Ein innovatives Vorhaben soll die angrenzenden Regionen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts größtenteils aus den Augen verloren haben, einander wieder näherbringen: der internationale Naturpark Rätikon.
Die Grenzregion hat gleichzeitig mit dem bäuerlichen Arbeitsplatz an den Berghängen ihren Stellenwert für die ansässige Bevölkerung verloren. Vom Tal aus wirkt die Grenze fern, besonders da sie völlig aus dem Alltag der Menschen gerückt ist. Heute gibt es dort nicht mehr viel zu holen: kaum Heu, keine Schmuggelware, die Wege über die Berge stellen angesichts unserer ausgebauten Straßen nicht einmal mehr eine Abkürzung in das benachbarte Tal dar. Die Zollwache wurde bis auf sporadische Ausflüge völlig von der Grenze abgezogen, die Zollhütten verfallen oder wurden verkauft. Gut ausgebaute alte Wege über die Berge, vereinzelte Rollen militärischen Stacheldrahts, verrostete Gedenktafeln auf Berg-Friedhöfen, Aussichtspunkte oder die Namen gepflegter und markierter Touristenpfade über die Joche, wie beispielsweise der «Schmugglerpfad» über den Grubenpass, lassen die einstige Bedeutung der Grenze allerdings erahnen.
Überblick über das Rätikongebirge, um 1870. Bild: zVg
Historisch betrachtet wirkten Gebirge wohl über Jahrtausende eher verbindend. Auch der Rätikon wurde nachweislich schon in prähistorischer Zeit begangen und bis ins ausgehende Mittelalter gab es keinerlei Grenzen zwischen den benachbarten Regionen. Der Bedarf an scharfen, linienhaften Territorialabgrenzungen entstand erst mit den sich im Laufe der Neuzeit entwickelnden flächendeckenden Staatengesellschaften und den späteren Nationalstaaten.
Vor diesem Hintergrund bereiste im Jahr 1610 der Bludenzer Vogteiverwalter die Grenzen der Herrschaften Bludenz und Sonnenberg. Er kam auf dieser Reise auch zum «schönsten Talschluss Vorarlbergs», ins Gauertal bei Tschagguns. Dort vermerkte er, dass es im sogenannten Schweizerkrieg 1499 ein grausames Gemetzel gegeben habe, bei dem weit über 100 Prättigauer von den Montafonern aus einem Hinterhalt heraus getötet worden seien. In der Geschichtsforschung ist davon zwar nichts bekannt, doch er schrieb, dass «Darvon noch heutigs tags allerlay warzaichen von haubtschidlen und kriegsrustungen befunden werden». Aufgrund der fehlenden Quellen und trotz archäologischer Untersuchungen ist die Behauptung aber zu bezweifeln, denn die Habsburger hätten einen Sieg bestimmt medial ausgeschlachtet. Die Funde hat es aber wohl gegeben, doch sie sind vermutlich älter und man versuchte aus der damaligen Sicht eine Erklärung dafür zu finden.
Nichtsdestotrotz verweist schon die damalige Interpretation darauf, dass es zu Differenzen zwischen den Regionen dies- und jenseits des Gebirges gekommen war. Schon seit dem 15. Jahrhundert, aber insbesondere nach der Reformation hatten sich die Regionen – zumindest vermeintlich – voneinander entfernt. Ganz so eindeutig war das anfangs aber nicht, denn zahlreiche bekannte Reformatoren stammen aus Vorarlberg und insbesondere der Süden des Landes war im 16. Jahrhundert schon fast reformiert. Der Vorarlberger Heinrich Spreiter, seit St. Antönien, war, nach seiner Tätigkeit als Kaplan in Gaschurn, als einer der ersten in Prättigau reformatorisch tätig. Sein Halbbruder Jakob Spreiter und Pfarrer Samuel Frick wirkten in Maienfeld in derselben Hinsicht. Die Familie Spreiter musste wohl aufgrund der gegenreformatorischen Maßnahmen in Vorarlberg in den Prättigau ausweichen. Häufige Gewalthandlungen gegen die Pfarrer und Vergehen auf religiösem Gebiet dürften als Indizien für eine Durchdringung der Montafoner Bevölkerung mit protestantischem Gedankengut gewertet werden. So speiste etwa an einem Fastentag öffentlich Fleisch und forderte nach einer Verwarnung durch den Pfarrer diesen auf, ebenfalls Fleisch zu essen und bot ihm eine Wurst an.
Dass es in der Folge zu wirklich ernsthaften Auseinandersetzungen an der Grenze kommen konnte, zeigt sich an den kriegerischen Auseinandersetzungen in den 1620er Jahren. Bestimmt haben diese für alle Regionen dramatischen Ereignisse nachhaltige Eindrücke hinterlassen und dazu geführt, dass die Interaktionen über den Rätikon hinweg zurückgingen und es etwa kaum mehr zu Eheschließungen zwischen den benachbarten Talschaften kam.
Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Habsburg und Graubünden 1622. Bild: zVg
Erst im 19. Jahrhundert lebten die Kontakte wieder auf, als das Schmuggelwesen zunahm und dann durch den Alpintourismus die Region eine neue Attraktivität erlangte. Der illegale Handel führte die Beteiligten aus den benachbarten Regionen wieder enger zusammen, da man in der Obrigkeit einen gemeinsamen Gegner sah. Durch wirtschaftliche Not, Warenknappheit oder auch leicht zu erzielende Gewinne wurden weniger gut kontrollierte Abschnitte der gebirgigen Grenze zu Schauplätzen des informellen Handels und Warentauschs. Als sich im Jahr 1840 zu Pfingsten bei Gargellen ein Gefecht zwischen heimkehrenden Montafoner Heuarbeitern, die für Verwandte und Bekannte kleine Geschenke mitführten, und den Grenzwachbeamten, die die Heimkehrenden auf Schmuggelware kontrollieren wollten, ereignete, sank die Stimmung gegenüber der Grenzwachbehörde auf einen Tiefpunkt. Das Schmuggeln selbst erlebte dann in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts – rund um die beiden Weltkriege – einen Höhepunkt. Während der Zeit des NS-Regimes spielten sich schließlich zahlreiche tragische Fluchtgeschichten im Rätikon ab.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Alpinismus zu einem ein breiteres Publikum ansprechenden Phänomen. 1871 wurde schließlich am Lünersee eine Hütte als erster Stützpunkt für Bergtouren im Rätikon errichtet. Zahlreiche weitere Hütten- und Wegebauten folgten in den nächsten Jahrzehnten. Mittlerweile wurde die Gebirgsregion auch durch Aufstiegshilfen und unterschiedlichste Formen der touristischen Infrastruktur erschlossen.
Postkarte vom St. Antönierjoch, um 1940. Bild: zVg
hatte die Grenze durch die politisch stabilere Situation und den wirtschaftlichen Aufschwung auf beiden Seiten viel ihres alten Schreckens und damit natürlich auch ihrer Verheißungen verloren. Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung kam es nach 1950 zu einer Distanzierung zwischen den Anrainern beiderseits der Grenze. Nähe wird nunmehr über gute Straßenverbindungen definiert, sodass das Rheintal im Kopf jeweils viel näher ist als jenes nur wenige Kilometer entfernte Tal auf der anderen Seite des Gebirges.
Die Grenze im Rätikon kennzeichnen insgesamt sowohl trennende als auch verbindende Eigenschaften. Wo die staatliche Obrigkeit in ihrem Zentrum bemüht war, Grenzüberschreitungen und den Warenverkehr zu kontrollieren, wo die Grenze zum Schauplatz und Reibepunkt unterschiedlicher aufeinander treffender Ideologien wurde, die von den Zentren her vorgeschrieben wurden, da entstand eine Trennlinie zwischen Menschen, die eine derartige Grenze von sich aus nicht wahrgenommen hätten. Denn die Grenze ist keine Erfindung der Menschen an der Grenze, sondern eine der Hauptstädte. Es sind die Zentren, die die Wahrnehmung dessen, was «nah» ist, prägen:
«Das sich [durch die konservierende Form ritualisierter Grenzüberschreitungen, wie sie etwa im Tourismus praktiziert werden,] nur zum Teil erklärende Paradox ist, dass sich trotz grenzüberschreitender Anstrengungen und gegenseitiger Anerkennung der Gästekarten die inneralpinen Grenzen eher verdichten als auflösen. Das hat weniger mit ‚Schengen’ und der Verlagerung der EU-Außengrenze zu tun als mit der Auflösung von Räumen und einer beschleunigten Ausrichtung auf die Zentren hin.»2
Angesichts dessen könnte ein grenzüberschreitender Naturpark Rätikon dieser Entwicklung, die alle beteiligten Regionen betrifft, entgegenwirken. Eine derartige Kooperation würde das Verhältnis der beteiligten Regionen zueinander wieder in Bewegung bringen und die in der Geschichte immer wieder in engem Austausch stehenden Nachbarn einander näherbringen. Landwirtschaft und Tourismus wären dabei wohl wichtige Akteure, doch gerade im Kulturbereich läge wohl das größte Potential auch die Bevölkerung der benachbarten Täler miteinander in Kontakt zu bringen, sie zu motivieren «öbr’n Tälerrand z’luaga». Dies belegen etwa die Erfahrungen verschiedener grenzüberschreitender Projekte zwischen Montafon und Prättigau, die in den letzten Jahren mit viel Gewinn für alle Beteiligten umgesetzt wurden.
Blick über den «Tälerrand». Bild: zVg
Eine Machbarkeitsstudie liegt mittlerweile mit einem grundsätzlich positiven Ergebnis vor: der Rätikon wäre mit seinem Natur- und Kulturreichtum sehr gut für einen Internationalen Naturpark geeignet. Es bleibt zu hoffen, dass die beteiligten Regionen diese Einschätzung teilen und in weiterer Folge eine Plattform für vielfältige neue Beziehungen und eine akkordierte regionale Entwicklung rund um den Rätikon ermöglichen. Bestimmt könnte eine solche Form der Zusammenarbeit, die es bis dato in dieser Dimension und Form nirgendwo im Alpenraum gibt, Vorbildfunktion für viele andere Grenzregionen haben und damit peripheren alpinen Regionen neue Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen.
1 Girtler, Roland: Schmuggler. Von Grenzen und ihren Überwindern. Linz 1992. S. 14.
2 Tschofen, Bernhard: Berg Kultur Moderne. Volkskundliches aus den Alpen. Wien 1999. S. 279.
Der Naturpark Rätikon: Denkräume öffnen für grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten
Ein gemeinsamer Naturpark rund um den Gebirgszug des Rätikons soll das Prättigau, das Fürstentum Liechtenstein und Teile Vorarlbergs miteinander verbinden. Die Abstimmungen über diese Idee sind auf Bündner Seite für den März 2021 vorgesehen. Welche Chancen hat das Projekt?
von Christian Ruch

Dr. phil. Christian Ruch, geb. 1968, aus Waldshut/D, Studium der Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft. Lebt in Chur. Bild: zVg
Mit Natur- und Nationalpärken ist das so eine Sache: Es kann, sollte man meinen, angesichts von Artensterben und Landschaftsverbrauch doch niemand etwas dagegen haben, eine besonders wertvolle und erhaltenswürdige Landschaft unter Schutz zu stellen und so eine Win-Win-Situation für Ökologie und sanften Tourismus zu schaffen. Doch dem ist bei weitem nicht so: Wie das nach 16 Jahren intensiver Planung krachend gescheiterte Projekt um den Nationalpark Adula zwischen den Kantonen Tessin und Graubünden gezeigt hat, kann auch eine noch so vermeintlich gute und schöne Idee wie die eines Parks massiven Widerstand mobilisieren. Im Falle des Nationalparks Adula war es nicht gelungen, die betroffenen Gemeinden mehrheitlich davon zu überzeugen, dass ihnen ein zweiter Schweizer Nationalpark mehr Vor- als Nachteile bescheren würde.
Im Rätikon zwischen Vorarlberg, Graubünden und dem Fürstentum Liechtenstein will man trotzdem die Idee eines grenzüberschreitenden Naturparks verwirklichen. Allerdings ist ein Naturpark auch etwas anderes als ein Nationalpark: Während letzterer weitgehend unberührte Lebensräume für die einheimische Flora und Fauna bieten und damit die Eigenentwicklung der Naturlandschaft ermöglichen soll, umfasst ein Naturpark ein teilweise besiedeltes, ländliches Gebiet, und in seinen Naturräumen sind weitaus mehr Freizeitaktivitäten möglich als in einem Nationalpark. Der wichtigste Unterschied: In Nationalpärken gibt es eine Kernzone mit sehr hohem Schutzstatus und stark eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten wie etwa für die Landwirtschaft oder die Jagd. In einem Naturpark bestehen solche Kernzonen nicht, sie zeichnen sich durch ein möglichst ausgewogenes Zusammenspiel von Mensch und Natur aus. Im Kanton Graubünden existieren derzeit die Naturpärke Parc Ela, Beverin, Biosfera Val Müstair und der Parco Val Calanca, letzterer befindet sich noch in einem Kandidatenstatus.
Grösster Naturpark im Alpenraum
Der Naturpark Rätikon würde 30 Gemeinden mit einer Fläche von über . Er wäre der einzige Naturpark, der sich über drei Länder erstreckt und erst noch der flächenmässig grösste im Alpenraum. Auf der Bündner Seite wäre das Prättigau mit den zehn Gemeinden Seewis, Grüsch, Furna, Schiers, Conters, Luzein, Jenaz, Küblis, Fideris und Klosters-Serneus Teil des Naturparks, in Vorarlberg die Talschaften Walgau, das Brandnertal sowie das Montafon mit den Gemeinden Vandans, Tschagguns und St. Gallenkirch, last but not least das gesamte Staatsgebiet des Fürstentums Liechtenstein.
Für alle drei betroffenen Regionen liegen mittlerweile Machbarkeitsstudien vor. In der Untersuchung über das Prättigau werden Chancen, aber auch Risiken eines Naturparks Rätikon aufgelistet. Zu den Chancen zählen die Erhaltung, Pflege und Entwicklung der intakten Natur- und Kulturlandschaft, eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit, neue Kooperationen zwischen Landwirtschaft, Tourismus, Gewerbe und Handwerk und bessere Vermarktungsmöglichkeiten für regionale Produkten dank eines eigenen Labels. Als Risiken erscheinen – der geplatzte Traum vom Nationalpark Adula lässt grüssen! – Befürchtungen vor neuen Einschränkungen für Landwirtschaft und Tourismus, aber auch die komplexe Herausforderung der Koordination zwischen drei Ländern sowie zu viele Besucherinnen und Besucher. Dass im Zeitalter von Instagram beschauliche Plätzchen innerhalb von nur wenigen Wochen zum tagestouristischen Hot-Spot mutieren können, belegt etwa das Beispiel des Palpuognasees am Albulapass.
«Sehr gut machbar»
Bild: © Marietta Kobald
Unter dem Strich kommt die Machbarkeitsstudie für das Prättigau zum Schluss, dass das Projekt „sehr gut machbar“ sei: «Das Prättigau verfügt über vielfältige Natur- und Kulturwerte von nationaler Bedeutung. Die sozioökonomische Situation in der Region bietet optimale Voraussetzungen für den Aufbau eines Naturparks. Die Marktpotentiale sind für die Land- und Forstwirtschaft, das Gewerbe und den Tourismus hoch, wenn es gelingt, nachgefragte Angebote und Produkte auf einer Parkplattform aufzubauen. Die Naturpark-Idee entspricht auch den strategischen Ausrichtungen von Prättigau Tourismus und der Region Prättigau / Davos sehr gut. […] Ein Alleingang als Prättigauer Naturpark wird nicht angestrebt, sondern eine koordinierte Planung eines Drei-Länder-Naturparks mit den beteiligten Gemeinden rund um den Rätikon in Liechtenstein und im Vorarlberg.»
Doch was spricht eigentlich dafür, nun ausgerechnet die Gemeinden des Rätikons unter dem Dach eines solchen Projekts zu vereinigen? Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass enge grenzübergreifende Kontakte, so sehr man sich auch an sie gewöhnt hatte, anscheinend eben doch nichts Selbstverständliches sind. Die im Zuge der Covid-19-Pandemie vollzogenen Grenzschliessungen haben das schmerzlich bewusst gemacht. Schmerzlich im wahrsten Sinne des Wortes: Die Schlagbäume trennten buchstäblich über Nacht Liebes- und Ehepaare, Elternteile von Kindern, aber auch Nachbargemeinden, die längst zusammengewachsen sind, man denke vor allem an Kreuzlingen und Konstanz, die auf einmal von einem Doppelzaun separiert wurden.
Gemeinsamer Siedlungsraum der Walser
Diese Erfahrung führt (hoffentlich) dazu, dass grenzüberschreitende Kontakte wieder mehr gewürdigt werden. «Die Täler rund um den Rätikon sind ein gemeinsamer historischer und natürlicher Raum», sagt Georg Fromm, Regionalentwickler Prättigau/Davos und auf Bündner Seite so etwas wie der führende Kopf des Projekts. «Grenzen dagegen sind willkürlich, menschengemacht und trennend. Wir wollen Denkräume öffnen, die diese Trennung überwinden.» Kommt hinzu, dass territoriale Grenzen nicht auf eine sehr lange Tradition zurückblicken können. Sie sind unter dem Aspekt von Kontrolle und Reglementierung ein neuzeitliches Phänomen. Eine detaillierte Grenzziehung und -beschreibung lassen sich im Falle des Rätikons nicht vor dem 18. Jahrhundert beobachten, und die erste Montafoner Grenzstation wurde erst 1790 in Gargellen eingerichtet. Übrigens hatte die Grenzkontrolle auch schon damals mitunter eine gesundheitspolitische Dimension, so etwa im Falle von Grenzschliessungen wegen Viehseuchen. Über Leben und Tod konnte die Grenze im Rätikon entscheiden, als zwischen 1938 und 1945 Menschen aus verschiedensten Gründen aus dem Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus in die Schweiz oder nach Liechtenstein flohen. «Der grosse Einschnitt kam aber bereits mit dem Ersten Weltkrieg», meint Georg Fromm. «Danach haben sich die Menschen nicht mehr gross mit der anderen Seite beschäftigt.»
Bild: © Marietta Kobald
Auf eine weitaus längere Tradition und Geschichte kann das Gemeinsame zurückblicken. Sowohl diesseits wie jenseits des Rätikons siedelten die Walser, die im Hochmittelalter das Wallis verliessen und sich sowohl im Prättigau als auch im Montafon und – nomen est omen – im Grossen und Kleinen Walsertal im heutigen Vorarlberg sowie in den höher gelegenen Gebiete im heutigen Fürstentum Liechtenstein niederliessen. Nicht umsonst heisst es daher in der Bündner Machbarkeitsstudie zum Naturpark Rätikon: «Diese kulturellen Gemeinsamkeiten manifestieren sich zum Beispiel in der Sprache, in der Baukultur und in der Kulturlandschaft». An diese grenzüberschreitende Tradition erinnert bereits schon heute der Walserweg Graubünden, der in 23 Tagesetappen mit einer Gesamtlänge von rund 300 Kilometern von San Bernardino durch die bündnerischen Siedlungsgebiete der Walser wie etwa das Safiental, das Avers oder das Schanfigg nach Brand in Vorarlberg führt.
Abstimmungen im März geplant
Doch zurück zum Naturpark Rätikon – wie geht es nun mit dieser Idee weiter? «Derzeit befinden wir uns in der Schlussphase des Managementplans», so Georg Fromm. «Er soll im 3. Quartal vorliegen und den Gemeinden sowie dem Kanton zur Vernehmlassung vorgelegt werden. Dieser Managementplan wird dann zur Vorlage für die Abstimmungen in den Prättigauer Gemeinden, die nach dem derzeitigen Stand im März 2021 stattfinden sollen.» Die Abstimmungskampagne soll im Herbst beginnen. «Es wäre wichtig, dass vor allem die Grenzgemeinden Ja zu unserer Idee sagen.» Die Chancen dafür seien durchaus intakt. «Zwar gibt es Bedenken wie etwa, dass man mit dem Naturpark eine Schutzglocke über das Prättigau stülpen würde, zum Teil sind auch Fake News in Umlauf – wir merken aber, dass es viel nützt, wenn wir unsere Idee erklären und vor allem auf die Unterschiede zwischen Nationalpark und Naturpark aufmerksam machen. Natürlich ist es ganz wichtig, die Landwirtschaft mit ins Boot zu holen», sagt Georg Fromm. Mit seinen bisherigen Gesprächen ist er jedenfalls zufrieden. «Ich spüre eine positive Stimmung für den Naturpark Rätikon.»
Weitere Informationen zum Projekt unter raetikon.net